Posts Tagged ‘Aktien’

An den Märkten nichts Neues, nur die Silbertaler klappern

Liebe Börsianer,

seit meinem letzten Kommentar sind mittlerweile ein paar Wochen ins Land gegangen. Was soll man auch schreiben, wenn die Lage wie gedacht vonstatten geht? In der Tagesschau gibt’s kein Fukushima mehr und die Aktienmärkte haben neue Höchststände erreicht. Richtige Überraschungen sind ausgeblieben, oder? Ach so, ich vergaß:

Die Futures-Broker der Silberspekulanten überraschen momentan ihre Kunden mit Margin-Calls. Viele Klein-Spekulanten müssen Positionen schließen, weil die zu hinterlegende Sicherheitsleistung pro Kontrakt deutlich angehoben wurde. Tja, und somit werden vorerst nur noch die reichen Dummen von den Haien am Silbermarkt gefressen. Der Silberjunge Thorsten Schulte wittert in einem Kommentar gleich ein skandalöses Betrugsmanöver durch die CME. Schau Dir die Kursschwankungen an, Junge! Die Margin-Erhöhungen sind völlig normal!

Und da wir schon beim Thema sind: beim Gold wird es trotz der bereits fallenden Preise (besonders in Euro gerechnet) und den sinkenden Einlagen der Goldfonds erst so richtig spannend, wenn die amerikanische Börsenaufsicht das nächste Mal die Anteile der Großspekulanten veröffentlicht. Meldet Soros „Gold verkauft“, brauchen sicherlich viele Goldextremisten erstmal ein kühles Blondes.

Bis dahin kann der Sommer kommen und die Biergärten sich füllen. Ich gönne mir schon jetzt ein kühles Blondes. Nicht aus Panik, sondern weil die Dinge so laufen, wie gedacht…

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Kostolany hat Recht und der Goldstern sinkt

Liebe Börsianer,

die Umsätze an den Börsen sind bei wieder ansteigenden Kursen gering. Für Kostolany war dies, im Gegensatz zur geläufigen Meinung der Chartanalysten, stets ein positives Zeichen im längerfristigen Verlauf. Denn wo wenige Hartgesottene kaufen wird erst weiter oben an die Meute verkauft  (schauen Sie sich die Grafik an). Ich sehe das genauso. Das Zinsumfeld bleibt für Dividendenpapiere vorerst günstig und die US-Wirtschaft kommt in Fahrt.

Für Anhänger der edlen Metalle scheint es dagegen eng zu werden. Der Goldpreis tut sich schwer mit neuen Hochs. Interessanter Weise ist das so, seitdem letztes Jahr die ersten widersprüchlichen Meldungen zum An- und Verkauf der Goldanteile von Soros & Co veröffentlicht wurden. Für mich ist der monatelange Seitwärtsmarkt beim Gold ein Zeichen für den Verkauf der großen Goldspekulanten. Die nahenden Zinserhöhungen waren quasi der Startschuss. Die Goldstory droht zu wanken, das Krisengeschrei nutzt sich ab und mein Szenario vom Januar könnte aufgehen.

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Der Goldbetrug

Gold scheint wohl eines meiner Lieblingsthemen zu sein. Aber es gibt offensichtlich kein anderes Spekulationsobjekt, welches derzeit aggressiver beworben wird und täglich in den Schlagzeilen steht. Darum habe ich mich mal umgesehen, was denn  Gold eigentlich kostet. Wie, das steht in allen Tageszeitungen? Naja, das ist nur die halbe Wahrheit.

Wahllos pickte ich mir zwei als seriös bezeichnete Anbieter heraus, verglich sie und kippte beinahe aus den Latschen. Die Spanne zwischen An- und Verkauf von physischem Gold beträgt rund zehn Prozent! Ja, wo gibt’s denn so was? Stellen Sie sich vor, sie würden Aktien mit einem Spread von zehn Prozent angeboten bekommen, würden Sie dieses Angebot annehmen? Der deutsche Sparer schon. Mit Inflation und Eurokrise, Dauerwerbung und Pipapo wird der ängstliche Sparer weich geklopft, komme was da wolle.

Gold ist wohl doch nicht mein Lieblingsthema. Armer Michel…

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Am Sonntag macht die Börse auf

Es ist schon bewegend, wenn man die vielen Menschen am Tahrir sieht. Dort, wo ich letztes Jahr noch täglich vorbeihastete.

Damals schrieben eines Tages die kairiner Blätter von einem „schwarzen Montag“, nachdem die ägyptische Börse wegen säumiger Schuldner aus Dubai um acht Prozent einbrach. Ein gewaltiger Schock für den ägyptischen Kleinanleger. Ein Bürokollege, der ebenfalls auf Aktien saß, fragte mich nach meiner Einschätzung. Zu seinem Erstaunen fand ich diesen Einbruch hervorragend und rat ihm zu Gelassenheit. Es dauerte nicht lang und die Kurse stiegen auf neue Höhen.

Auch in diesen Tagen, nachdem die Börse um zwanzig Prozent fiel und der Handel ausgesetzt wurde, schreibt die al-Ahram:„Schwarze Tage in der Geschichte der ägyptischen Börse“.

Lieber Kollege, bleibe gelassen! Am Sonntag macht die Börse auf. Die Kurse werden steigen. Und um den Tahrir fahren wieder die Autos…

Ihr Börsenphilosoph

Effectuation und Börsenhandel (Fortsetzung)

Im letzten Artikel stellte ich bereits die Idee des Effectuation-Ansatzes und dessen Leitlinien für den Unternehmer vor. Versuchen wir nunmehr, die aufgezählten Punkte auf den Börsenhandel anzuwenden und schauen wir, ob sie uns zu neuen Ideen führen:

  • Die unsichere Zukunft wird nicht geplant, sondern selbst gestaltet.

Als Börsianer könnte man diesen Punkt als Hinweis verstehen, dass er sich keine Illusionen über seine Börsenkarriere machen sollte. Langfristige Planungen mit monatlichen Renditezielen frustrieren später mehr, als sie im Moment der Planung Freude bereiten. Selbstgestalten kann man jedoch sein Maß an Flexibilität, das bei dynamisch verändernden Märkten benötigt wird.

  • Unternehmerische Ideen werden ausgehend von zur Verfügung stehenden Ressourcen umgesetzt.

Der Börsianer könnte sich fragen: Was steht mir zur Verfügung und wann und wo kann ich etwas damit anfangen? Zu den Ressourcen des Börsianers müssen unter anderem der Zugang zu den Brokern, das eigene Budget, die Gebühren, die technische Ausstattung, die eigenen Kenntnisse, der eigene Charakter, der Zugang zu bestimmten Märkten (Aktien, Futures ect.), die Handelsstrategien und insbesondere der gegenwärtige Marktcharakter berücksichtigt werden. Gerade der letzte Punkt bereitet dem angehenden Börsianer früher oder später große Probleme, manchmal ohne es zu merken. Marktcharaktere ändern sich. Und Strategien, die bisher gut funktionierten, können plötzlich große Verluste bringen. Und nicht bei jeder Aktie muss ein und dasselbe System funktionieren. Der Börsianer müsste demnach lernen, wann und wo er seine Strategie nicht einsetzen sollte.

  • Das Geschäftsmodell wird während des laufenden Betriebes dynamisch gestaltet.

Ersetzen wir den Begriff „Geschäftsmodell“ mit „Handelsstrategie“ sehen wir leicht, worauf es im Laufe einer Börsenkarriere ankommen könnte. Wie ich bereits im ersten Punkt angedeutet habe, sollte der Börsianer flexibel reagieren und seine Strategien und Meinungen an den Märkten anpassen oder sich passende Märkte suchen. Das klingt banal und leicht. Aber die praktische Umsetzung ist für viele Börsianer fast unmöglich. Oft können sie sich nicht eingestehen, im Unrecht zu sein.

  • Entschieden wird nicht anhand unsicherer Renditen, sondern anhand (psychologisch/wirtschaftlich) vertretbarer Verluste.

Dieser Punkt weißt darauf hin, dass lediglich das Risiko mit einiger Gewissheit bestimmt werden kann und deshalb zentraler Bestandteil des Handelns sein sollte. Führt man diesen Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiter, wäre das Rechnen mit Risiko-Chance-Verhältnissen verschenkte Zeit – eine Aussage dem wohl die Mehrheit der Börsenprofis widersprechen würde. Sicher ist, dass Gewinne weniger vorhersagbar sind, als das Risiko. Dennoch obliegt es dem Börsianer, einen Gewinner solange wie er möchte, laufen zu lassen. Liegt der so genannte Profitfaktor im Laufe der Zeit über Eins, macht er vieles richtig.

  • Mit Unvorhergesehenem wird gerechnet und darauf zu eigenen Gunsten flexibel reagiert.

Dieser letzte Punkt bekräftigt wohl noch einmal, dass der Börsianer sich klar machen sollte, mit Überraschungen zu rechnen. Unvorhergesehenes kann nicht vermieden werden und würde an der Börse ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln. Es können sich aber ebenso positive Überraschungen, wie zum Beispiel lange Gewinnreihen oder große Trends, ergeben. Um zu seinem Nutzen auf negative oder positive Ereignisse zu reagieren, kann z.B. angemessen mit unterschiedlichen Positionsgrößen operiert werden, um somit Verluste zu reduzieren oder Gewinne auszuweiten.

Fazit: Die Übertragung des Effectuation-Ansatzes auf die Börse führt uns zu den Grundlagen des Börsengeschäftes. Das stellt nicht unbedingt etwas Neues dar und wurde bereits in den Klassikern der letzten Jahrhunderte publiziert. Dennoch zeigt sich, dass der Börsenhandel und das Unternehmertum fundamentale Gemeinsamkeiten aufweisen. Außerdem liegt die Vermutung nahe, dass die Einhaltung der oben genannten Punkte zu weniger psychischen Fehlverhalten führen würde, wie es in der Behavioral Finance besprochen wird.

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Der Heilige Gral vs. Evolution des Marktes

Nur wenigen Theorien obliegt es in der Wissenschaft, eine solch universelle Disposition zu besitzen, wie der Evolutionstheorie. Aber noch wenigern Wissenschaftlern gelingt es, sich Ansätze und Theorien anderer Fachgebiete zu Eigen zu machen. Der Sozialwissenschaftler Niklas Luhmann (1927-1998) entwickelte in rund dreißigjähriger Arbeit (Bielefeld) mit Hilfe der Biologie und Thermodynamik eine systemtheoretische Gesellschaftstheorie, in der evolutionäre Beobachtungen einen festen Bestandteil einnehmen und nicht der sozialdarwinistischen Anschauung entsprechen. Mit seinem Werk „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ hinterließ er ohne Mathematik (!) einigen Einfluss in den Wirtschaftswissenschaften. Im angloamerikanischen Raum ist aktuell Niall Ferguson (geb. 1964) zu nennen, der sich als Historiker (Harvard) der Finanzgeschichte widmet und dazu evolutionäre Ansätze gebraucht. Er kritisiert mit seinem Ansatz unter anderem die staatlichen Finanzhilfen für das Bankenwesen.

Seitdem die Krisen- und Crashfrequenz immer weiter zunimmt, können sich unter den Finanzmarkttheoretikern vermehrt, neben den Neoklassikern, alternative Stimmen durchsetzen. Die wohl bekannteste Alternative ist die Behavioral Finance zu deren populärsten Vertretern Richard Thaler (geb. 1945) zählt. Als noch eher unbekannt gelten jene Wirtschaftswissenschaftler, die evolutionäre Konzeptionen in ihre Marktmodelle einfließen lassen. Dazu zählt zum Beispiel Thorsten Hens (geb. 1961) der bereits seit einigen Jahren mit seinem Team an der Universität Zürich an alternativen Marktmodellen forscht und Grundlagen für die Evolutionary Finance schafft.

Im Mittelpunkt der Evolutionary Finance steht die Beschreibung der Populationsdynamik der heterogenen Anlagestrategien. Der Wettkampf der Strategien um das eingesetzte Kapital, das in der Biologie als Nahrung angesehen werden könnte, führt zur Selektion einiger Strategien, die Gewinne generieren und jener Strategien, die wegen ihrer Verluste untergehen. Mutationen sind neue finanztechnische Innovationen bzw. neue Strategien, mit denen sich Vorteile erhofft werden. In geschlossenen Märkten würden erfolgreiche Strategien auf die Dauer die Vielfalt der Anlagestrategien auflösen und sich somit gemäß dem Räuber-Beute-Schema restringieren. In realen Märkten ist dieser Effekt ebenfalls zu erkennen: je mehr Gelder den Hedge Funds zur Verfügung stehen, desto schwieriger wird es, ihre Gewinnmargen zu halten.

Das dynamische Evolutionsmodell entspricht wohl eher den persönlichen Erfahrungen der Börsianer, deren ausgearbeitete Strategien plötzlich nicht mehr funktionieren. Eine beste Anlagestrategie aller Zeiten kann es nicht geben, weil der Erfolg einer Strategie von dem Umfeld abhängt, in der sie ausgeführt wird. Ausgehend davon, dass sich viele Marktteilnehmer an bestimmte Strategien binden, knüpft diese Betrachtung an das hier im Blog bereits gesagte an.

Ausführliche Informationen zum Thema Evolutionary Finance finden sich auf der Seite www.evolutionaryfinance.ch

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Bisheriges Jahresergebnis: -45%

Wie sich Märkte ändern können

Wie ich bereits in einem Artikel angedeutet habe, versäumten es die Jünger der Random-Walk-Theorie bei ihren empirischen Untersuchungen, dass sich der Charakter der Märkte mit der Fluktuation der Strategien bzw. Handelsteilnehmer verändert. Der folgende Auszug stammt aus einem Traders’-Interview mit Emilio Tomasini (www.trading-systems.pro), in dem er schöne Beispiele für Veränderungen der Märkte beschreibt. Das vollständige und sehr interessante Interview zum Thema Systemhandel findet sich hier.

Frage: Zu den Problemen des diskretionären Tradings, die das systematische Handeln nicht beseitigen kann. Die erste Herausforderung ist die ständige Veränderung der Märkte, die sich in Änderungen der Charakteristik historischer Kursreihen widerspiegelt.
Tomasini: Das Verhalten der Märkte hängt von der Zahl und Qualität der Trader, von der vorhandenen Liquidität, von der Struktur des Marktes und von den historischen Hintergründen ab, in denen die Handlungen stattfinden. Wenn beispielsweise ein Markt noch „jung“ und noch nicht liquide ist, kann man ihn besonders erfolgreich mit einer Ausbruchtechnik handeln. Dies liegt daran, dass viele Marktteilnehmer noch unerfahren sind und einfache Trendfolge-Systeme bereits viele Tendenzen der Börse auffangen.
Im Nachhinein betrachtet kommen mir die Aktien-Charts der Prager Börse von 1994 wie eine ideale Welt vor. Der tschechische Finanzmarkt machte damals seine ersten Schritte. Börsendaten wurden in einem kahlen Dachgeschoss an der Peripherie von Prag verkauft, von einem Ingenieur mit einem alten Hemd und einem traurigen Blick. Sein Schreibtisch war ziemlich genau in der Mitte des Zimmers aufgestellt- ein eindeutiges Zeichen seines der göttlichen Perfektion gewidmeten Drangs. Ich kaufte seinen Service mit historischen Kursreihen dazu, aber leider konnte ich mich von Italien aus nicht auf seinem Datenserver einwählen. Der gute Ingenieur dachte, im Stil des vorherigen Regimes „customer care“, sich um meine Probleme nicht kümmern zu müssen. Jeder Traum, im tschechischen Markt einzusteigen, platzte mit der Aktualisierung der Daten. Aber die Erinnerung an die Charts ist noch lebendig. Es schien so, als ob ein Bauzeichner von der Partei sie gezeichnet hätte, um den technischen Analysten Freude zu bereiten: Unterstützungen und Widerstände, perfekte Ausbrüche wie aus dem Lehrbuch, noch nicht einmal ein falsches Signal. Es war der Traum des „realen Sozialismus“ an die Börsencharts angepasst. In den jungen Märkten entwickelt sich das Benehmen der Trader präzise nach dem alten Muster: Die ersten, die kaufen, sind die gut Informierten. Danach kaufen die Nachmacher und am Ende diejenigen, deren Käufe die Long-Positionen der gut Informierten schließen.

Frage: Ideale Bedingungen für erfahrene diskretionäre und systematische Trader. In den meisten Märkten gibt es aber früher oder später Transformationen, welche die schöne Welt verändern…
Tomasini: Zwischen 1997 und 2000 sind Hunderte von Tradern mit einfachen Intraday Breakout Systemen im DAX- und NEMAX-Future reich geworden. Ab dem Jahr 2000 ist die Mehrheit von ihnen ausgestiegen, weil Ausbrüche in den gereiften Märkten nicht mehr funktionierten. Leider gibt es keine Sicherheit, dass eine historische Kursreihe sich in der Zukunft weiterhin gleich verhält. Außerdem gibt es keine Sicherheit dass, z.B. im Falle einer Aktie, wegen eines Delistings, Insolvenz oder Änderung der Haupttätigkeit der Firma, die Aktie immer so existieren wird, wie wir sie kannten. Ähnliches gilt für Futures, die mit der Einführung neuer Märkte (z.B. der Fib30/S&P – MIB 40 in der italienischen Börse) oder selbst nur neuer Handelszeiten konfrontiert werden (wie der Bund Future in diesem Jahr oder der DJ Euro-Stoxx50 sogar drei bis vier Mal in den Börsen-Boom-Jahren Ende der 90er). Die Unannehmlichkeit der stetigen Veränderung historischer Kursreihen überträgt sich in die Programmierung der Codes. „Hätte ich mein System nicht jedes Mal geändert, als der Drawdown das Alarmniveau überschritten hatte, wäre ich heute nicht mehr am Leben“ erzählte mir Giuseppe Lugli, ein systematischer Händler mit langjähriger Erfahrung.

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