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Effectuation und Börsenhandel (Fortsetzung)

Im letzten Artikel stellte ich bereits die Idee des Effectuation-Ansatzes und dessen Leitlinien für den Unternehmer vor. Versuchen wir nunmehr, die aufgezählten Punkte auf den Börsenhandel anzuwenden und schauen wir, ob sie uns zu neuen Ideen führen:

  • Die unsichere Zukunft wird nicht geplant, sondern selbst gestaltet.

Als Börsianer könnte man diesen Punkt als Hinweis verstehen, dass er sich keine Illusionen über seine Börsenkarriere machen sollte. Langfristige Planungen mit monatlichen Renditezielen frustrieren später mehr, als sie im Moment der Planung Freude bereiten. Selbstgestalten kann man jedoch sein Maß an Flexibilität, das bei dynamisch verändernden Märkten benötigt wird.

  • Unternehmerische Ideen werden ausgehend von zur Verfügung stehenden Ressourcen umgesetzt.

Der Börsianer könnte sich fragen: Was steht mir zur Verfügung und wann und wo kann ich etwas damit anfangen? Zu den Ressourcen des Börsianers müssen unter anderem der Zugang zu den Brokern, das eigene Budget, die Gebühren, die technische Ausstattung, die eigenen Kenntnisse, der eigene Charakter, der Zugang zu bestimmten Märkten (Aktien, Futures ect.), die Handelsstrategien und insbesondere der gegenwärtige Marktcharakter berücksichtigt werden. Gerade der letzte Punkt bereitet dem angehenden Börsianer früher oder später große Probleme, manchmal ohne es zu merken. Marktcharaktere ändern sich. Und Strategien, die bisher gut funktionierten, können plötzlich große Verluste bringen. Und nicht bei jeder Aktie muss ein und dasselbe System funktionieren. Der Börsianer müsste demnach lernen, wann und wo er seine Strategie nicht einsetzen sollte.

  • Das Geschäftsmodell wird während des laufenden Betriebes dynamisch gestaltet.

Ersetzen wir den Begriff „Geschäftsmodell“ mit „Handelsstrategie“ sehen wir leicht, worauf es im Laufe einer Börsenkarriere ankommen könnte. Wie ich bereits im ersten Punkt angedeutet habe, sollte der Börsianer flexibel reagieren und seine Strategien und Meinungen an den Märkten anpassen oder sich passende Märkte suchen. Das klingt banal und leicht. Aber die praktische Umsetzung ist für viele Börsianer fast unmöglich. Oft können sie sich nicht eingestehen, im Unrecht zu sein.

  • Entschieden wird nicht anhand unsicherer Renditen, sondern anhand (psychologisch/wirtschaftlich) vertretbarer Verluste.

Dieser Punkt weißt darauf hin, dass lediglich das Risiko mit einiger Gewissheit bestimmt werden kann und deshalb zentraler Bestandteil des Handelns sein sollte. Führt man diesen Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiter, wäre das Rechnen mit Risiko-Chance-Verhältnissen verschenkte Zeit – eine Aussage dem wohl die Mehrheit der Börsenprofis widersprechen würde. Sicher ist, dass Gewinne weniger vorhersagbar sind, als das Risiko. Dennoch obliegt es dem Börsianer, einen Gewinner solange wie er möchte, laufen zu lassen. Liegt der so genannte Profitfaktor im Laufe der Zeit über Eins, macht er vieles richtig.

  • Mit Unvorhergesehenem wird gerechnet und darauf zu eigenen Gunsten flexibel reagiert.

Dieser letzte Punkt bekräftigt wohl noch einmal, dass der Börsianer sich klar machen sollte, mit Überraschungen zu rechnen. Unvorhergesehenes kann nicht vermieden werden und würde an der Börse ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln. Es können sich aber ebenso positive Überraschungen, wie zum Beispiel lange Gewinnreihen oder große Trends, ergeben. Um zu seinem Nutzen auf negative oder positive Ereignisse zu reagieren, kann z.B. angemessen mit unterschiedlichen Positionsgrößen operiert werden, um somit Verluste zu reduzieren oder Gewinne auszuweiten.

Fazit: Die Übertragung des Effectuation-Ansatzes auf die Börse führt uns zu den Grundlagen des Börsengeschäftes. Das stellt nicht unbedingt etwas Neues dar und wurde bereits in den Klassikern der letzten Jahrhunderte publiziert. Dennoch zeigt sich, dass der Börsenhandel und das Unternehmertum fundamentale Gemeinsamkeiten aufweisen. Außerdem liegt die Vermutung nahe, dass die Einhaltung der oben genannten Punkte zu weniger psychischen Fehlverhalten führen würde, wie es in der Behavioral Finance besprochen wird.

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Effectuation und Börsenhandel

Liebe Leser,

im Leben lässt sich nur wenig planen. Schaut man zurück, so wird man erkennen, dass sich vieles aus Gelegenheiten ergab, die so nicht vorhergesehen wurden. Das Ungewisse an sich ist im Rückblick selten das Problem, die Ungewissheit vorher umso mehr. Eine Situation und insbesondere das Leben nicht unter Kontrolle zuhaben, ist furchtbar. Jeder Börsenneuling kennt das: Er wirft sich in ein Abenteuer voller Erwartungen, voller Freude auf Rendite und erkennt früher oder später, dass Gewinne nicht zu planen sind.

Um länger im Spiel zu bleiben, könnte der Börsianer sein Geschäft als richtiges Unternehmen betrachten. Viele Größen der Börsenszene empfehlen die Aufstellung von Businessplänen mit genauer Beschreibung des Handelssystems und mit Zielvorgaben. Spätestens bei den ersten großen Verlustserien tritt immer wieder Ernüchterung ein. Die Realität kommt den Wünschen nicht nach. Was kann man dennoch in solch ungewissen Milieus tun, um sein eigenes Unternehmen „Börse“ zu führen?

Saras Sarasvathy, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Virginia, erforschte jene Strategien, die erfolgreiche Unternehmer in ihrem Alltag anwenden. Die alten Management-Lehrmeinungen gehen davon aus, dass sich innovative Gründer zunächst Ziele setzen, dann Marktforschung betreiben und schließlich Businesspläne aufstellen. Sarasvathy kam zu dem Ergebnis, dass dieser Ansatz von rund 90 Prozent der Unternehmer jedoch nicht befolgt wird. Sie handeln eher situationsbedingt ohne detaillierte Pläne, d.h. sie schauen, welche Möglichkeiten sich gerade bieten und entwickeln anhand der vorhandenen Ressourcen den Ausbau ihrer Geschäfte und Netzwerke. Der große Unterschied zwischen Management-Lehre und Unternehmertum liegt darin, dass ersteres primär zielorientiert und letztes mittelorientiert ausgerichtet ist. Die Konzentration auf seine eigenen Mittel und Fähigkeiten bietet den Vorteil, mit Unsicherheiten besser umgehen zu können, ja sie sogar für den eigenen Vorteil zu nutzen. In der Entrepreneurship-Forschung hat sich dieser Effectuation-Ansatz teilweise etabliert. Die grundlegenden Schlüsse werden in fünf Punkten zusammengefasst:

  1. Die unsichere Zukunft wird nicht geplant, sondern selbst gestaltet.
  2. Unternehmerische Ideen werden ausgehend von zur Verfügung stehenden Ressourcen umgesetzt.
  3. Das Geschäftsmodell wird während des laufenden Betriebes dynamisch gestaltet.
  4. Entschieden wird nicht anhand unsicherer Renditen, sondern anhand (psychologisch/wirtschaftlich) vertretbarer Verluste.
  5. Mit Unvorhergesehenem wird gerechnet und darauf zu eigenem Gunsten flexibel reagiert.

Übertragen wir den Effectuation-Ansatz auf unser Unternehmen „Börse“, ergeben sich spannende Handlungsoptionen, die im nächsten Beitrag besprochen werden.

Nähere Informationen zur Effectuation finden sich auf den Seiten http://www.effectuation.at und http://www.darden.virginia.edu/web/Batten-Institute/

Im folgenden Video erläutert Saras Sarasvathy ihren Forschungsansatz:

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Bisheriges Jahresergebnis: -45%

Der Heilige Gral vs. Evolution des Marktes

Nur wenigen Theorien obliegt es in der Wissenschaft, eine solch universelle Disposition zu besitzen, wie der Evolutionstheorie. Aber noch wenigern Wissenschaftlern gelingt es, sich Ansätze und Theorien anderer Fachgebiete zu Eigen zu machen. Der Sozialwissenschaftler Niklas Luhmann (1927-1998) entwickelte in rund dreißigjähriger Arbeit (Bielefeld) mit Hilfe der Biologie und Thermodynamik eine systemtheoretische Gesellschaftstheorie, in der evolutionäre Beobachtungen einen festen Bestandteil einnehmen und nicht der sozialdarwinistischen Anschauung entsprechen. Mit seinem Werk „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ hinterließ er ohne Mathematik (!) einigen Einfluss in den Wirtschaftswissenschaften. Im angloamerikanischen Raum ist aktuell Niall Ferguson (geb. 1964) zu nennen, der sich als Historiker (Harvard) der Finanzgeschichte widmet und dazu evolutionäre Ansätze gebraucht. Er kritisiert mit seinem Ansatz unter anderem die staatlichen Finanzhilfen für das Bankenwesen.

Seitdem die Krisen- und Crashfrequenz immer weiter zunimmt, können sich unter den Finanzmarkttheoretikern vermehrt, neben den Neoklassikern, alternative Stimmen durchsetzen. Die wohl bekannteste Alternative ist die Behavioral Finance zu deren populärsten Vertretern Richard Thaler (geb. 1945) zählt. Als noch eher unbekannt gelten jene Wirtschaftswissenschaftler, die evolutionäre Konzeptionen in ihre Marktmodelle einfließen lassen. Dazu zählt zum Beispiel Thorsten Hens (geb. 1961) der bereits seit einigen Jahren mit seinem Team an der Universität Zürich an alternativen Marktmodellen forscht und Grundlagen für die Evolutionary Finance schafft.

Im Mittelpunkt der Evolutionary Finance steht die Beschreibung der Populationsdynamik der heterogenen Anlagestrategien. Der Wettkampf der Strategien um das eingesetzte Kapital, das in der Biologie als Nahrung angesehen werden könnte, führt zur Selektion einiger Strategien, die Gewinne generieren und jener Strategien, die wegen ihrer Verluste untergehen. Mutationen sind neue finanztechnische Innovationen bzw. neue Strategien, mit denen sich Vorteile erhofft werden. In geschlossenen Märkten würden erfolgreiche Strategien auf die Dauer die Vielfalt der Anlagestrategien auflösen und sich somit gemäß dem Räuber-Beute-Schema restringieren. In realen Märkten ist dieser Effekt ebenfalls zu erkennen: je mehr Gelder den Hedge Funds zur Verfügung stehen, desto schwieriger wird es, ihre Gewinnmargen zu halten.

Das dynamische Evolutionsmodell entspricht wohl eher den persönlichen Erfahrungen der Börsianer, deren ausgearbeitete Strategien plötzlich nicht mehr funktionieren. Eine beste Anlagestrategie aller Zeiten kann es nicht geben, weil der Erfolg einer Strategie von dem Umfeld abhängt, in der sie ausgeführt wird. Ausgehend davon, dass sich viele Marktteilnehmer an bestimmte Strategien binden, knüpft diese Betrachtung an das hier im Blog bereits gesagte an.

Ausführliche Informationen zum Thema Evolutionary Finance finden sich auf der Seite www.evolutionaryfinance.ch

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Bisheriges Jahresergebnis: -45%

Wie sich Märkte ändern können

Wie ich bereits in einem Artikel angedeutet habe, versäumten es die Jünger der Random-Walk-Theorie bei ihren empirischen Untersuchungen, dass sich der Charakter der Märkte mit der Fluktuation der Strategien bzw. Handelsteilnehmer verändert. Der folgende Auszug stammt aus einem Traders’-Interview mit Emilio Tomasini (www.trading-systems.pro), in dem er schöne Beispiele für Veränderungen der Märkte beschreibt. Das vollständige und sehr interessante Interview zum Thema Systemhandel findet sich hier.

Frage: Zu den Problemen des diskretionären Tradings, die das systematische Handeln nicht beseitigen kann. Die erste Herausforderung ist die ständige Veränderung der Märkte, die sich in Änderungen der Charakteristik historischer Kursreihen widerspiegelt.
Tomasini: Das Verhalten der Märkte hängt von der Zahl und Qualität der Trader, von der vorhandenen Liquidität, von der Struktur des Marktes und von den historischen Hintergründen ab, in denen die Handlungen stattfinden. Wenn beispielsweise ein Markt noch „jung“ und noch nicht liquide ist, kann man ihn besonders erfolgreich mit einer Ausbruchtechnik handeln. Dies liegt daran, dass viele Marktteilnehmer noch unerfahren sind und einfache Trendfolge-Systeme bereits viele Tendenzen der Börse auffangen.
Im Nachhinein betrachtet kommen mir die Aktien-Charts der Prager Börse von 1994 wie eine ideale Welt vor. Der tschechische Finanzmarkt machte damals seine ersten Schritte. Börsendaten wurden in einem kahlen Dachgeschoss an der Peripherie von Prag verkauft, von einem Ingenieur mit einem alten Hemd und einem traurigen Blick. Sein Schreibtisch war ziemlich genau in der Mitte des Zimmers aufgestellt- ein eindeutiges Zeichen seines der göttlichen Perfektion gewidmeten Drangs. Ich kaufte seinen Service mit historischen Kursreihen dazu, aber leider konnte ich mich von Italien aus nicht auf seinem Datenserver einwählen. Der gute Ingenieur dachte, im Stil des vorherigen Regimes „customer care“, sich um meine Probleme nicht kümmern zu müssen. Jeder Traum, im tschechischen Markt einzusteigen, platzte mit der Aktualisierung der Daten. Aber die Erinnerung an die Charts ist noch lebendig. Es schien so, als ob ein Bauzeichner von der Partei sie gezeichnet hätte, um den technischen Analysten Freude zu bereiten: Unterstützungen und Widerstände, perfekte Ausbrüche wie aus dem Lehrbuch, noch nicht einmal ein falsches Signal. Es war der Traum des „realen Sozialismus“ an die Börsencharts angepasst. In den jungen Märkten entwickelt sich das Benehmen der Trader präzise nach dem alten Muster: Die ersten, die kaufen, sind die gut Informierten. Danach kaufen die Nachmacher und am Ende diejenigen, deren Käufe die Long-Positionen der gut Informierten schließen.

Frage: Ideale Bedingungen für erfahrene diskretionäre und systematische Trader. In den meisten Märkten gibt es aber früher oder später Transformationen, welche die schöne Welt verändern…
Tomasini: Zwischen 1997 und 2000 sind Hunderte von Tradern mit einfachen Intraday Breakout Systemen im DAX- und NEMAX-Future reich geworden. Ab dem Jahr 2000 ist die Mehrheit von ihnen ausgestiegen, weil Ausbrüche in den gereiften Märkten nicht mehr funktionierten. Leider gibt es keine Sicherheit, dass eine historische Kursreihe sich in der Zukunft weiterhin gleich verhält. Außerdem gibt es keine Sicherheit dass, z.B. im Falle einer Aktie, wegen eines Delistings, Insolvenz oder Änderung der Haupttätigkeit der Firma, die Aktie immer so existieren wird, wie wir sie kannten. Ähnliches gilt für Futures, die mit der Einführung neuer Märkte (z.B. der Fib30/S&P – MIB 40 in der italienischen Börse) oder selbst nur neuer Handelszeiten konfrontiert werden (wie der Bund Future in diesem Jahr oder der DJ Euro-Stoxx50 sogar drei bis vier Mal in den Börsen-Boom-Jahren Ende der 90er). Die Unannehmlichkeit der stetigen Veränderung historischer Kursreihen überträgt sich in die Programmierung der Codes. „Hätte ich mein System nicht jedes Mal geändert, als der Drawdown das Alarmniveau überschritten hatte, wäre ich heute nicht mehr am Leben“ erzählte mir Giuseppe Lugli, ein systematischer Händler mit langjähriger Erfahrung.

Was bedeutet Zufall an der Börse?

Um Systemzustände vorherzusagen, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Kenntnis des Ausgangszustandes des Systems
  2. müssen die Regeln (wie z.B. Naturgesetze) des Systems bekannt sein
  3. die für den Beobachter relevante Zeit muss der Zeitspanne entsprechen, in der die Regeln des Systems tolerierbar konstant bleiben

 

Selbst die Mechanik ist kein Musterkind der Kausalität. Hier können kleinste Abweichungen bei den Messungen zu nicht mehr tolerierbaren Fehlern bei den Vorhersagen führen. Glücklicherweise sind die Regeln der Mechanik relativ konstant, sodass die mittleren Prädiktionszeiten (bzw. Ljapunow-Zeit) oft genug Zeit für Messungen lassen. Die Ljapunow-Zeit für den Klein-Planeten Pluto, der sich im komplexen System der Weltraumkörper bewegt, beträgt beispielsweise 30 Mio. Jahre. Bei einem Atom, das sich in der Luft bewegt, muss sich der Beobachter schon bei 10-10s mit dem Messen aller relevanten Teilchen beeilen.

Die Vorhersagefähigkeit hängt somit im großen Maße von den Messmöglichkeiten im Bezug zur Konstanz des zu messenden Systems ab. Gelingt es nicht, ausreichend präzise und schnell zu messen, bleiben die Ergebnisse für den Beobachter nicht nachvollziehbare Zufälle. Ebenso führen mangelnde Kenntnisse von Gesetzen und Abläufen des Systems zu scheinbar zufälligen Ergebnissen. Zufall ist eine Konstruktion.

Wir als Börsianer müssen uns fragen, welche Fähigkeiten wir zum Messen und Analysieren der sich verändernden Märkte besitzen. Finanzstarke Börsenhändler können zum Beispiel durch Testen des Marktes und Scheinaufträgen Reaktionen anderer Teilnehmer provozieren und somit lukrative Marktzustände für den kurzfristigen Handel ermitteln. Für Kleinanleger empfiehlt es sich, den Fokus auf die längerfristige Basis zu richten. So kann dieser z.B. in Ruhe die Marktzusammensetzung, Marktmeinungen und Investitionsströme studieren und seine Erkenntnisse anhand relativ einfacher Systemregeln (z.B. niedrige Zinsen = hohe Finanzinvestitionen) umsetzen und langfristige Trends ermitteln.

Ich für meinen Teil mache mir keine Illusionen. Gerne engagiere ich mich im kurzfristigen Tageshandel, habe aber weder die Zeit noch die Lust, minütlich aufs Neue, Marktzustände zu ermitteln. Meine morgens eingegangenen Positionen bleiben für meinen persönlichen Messhorizont nichts als purer Zufall. Und solange sie nicht meine Risikogrenze erreicht haben, werden meine Positionen am Ende des Handelstages automatisch geschlossen.

Das nenne ich Entspannung pur! Trefferquote: 50 Prozent.

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

 

Für einen vertieften Einstieg in das Thema Kausalität, ist das folgende Heft der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu empfehlen: http://edoc.bbaw.de/frontdoor.php?source_opus=991

Was die Geliebte und die Börse gemeinsam haben

Ich vergleiche die Börse oft mit meiner Liebsten: beides sind selbstreferenzielle komplexe Systeme. Wenn ich auf beide mit etwas einwirke, kann beim ersten Versuch etwas Erfreuliches für mich herauskommen, beim nächsten Mal jedoch etwas völlig anderes, weil ich entweder die Regeln und/oder die Ausgangswerte des Systems nicht kenne.

Bleiben wir vorerst bei den hochkomplexen Damen: Jeder Mann weiß, dass zum Beginn einer Beziehung alles neu und fremd ist. Als Männer tasten wir uns (im Idealfall) langsam an die Partnerin heran. Wir schauen, wie sie auf bestimmte Dinge reagiert, was ihr gefällt oder worauf sie allergisch reagiert. Und trotz vieler Rückschläge, gelingt es uns schließlich, bestimmte Gefühlsausbrüche vorherzubestimmen. Zum Beispiel, dass Komplimente bei der Geliebten Freude auslösen können oder dass das Angaffen anderer Frauen im ungünstigen Fall zu Weinkrämpfe ausarten kann. Der Liebe haftet zwar dennoch etwas Zufälliges an, jedoch werden die emotionalen Ausschläge (im Guten, wie im Bösen) mit der Zeit um einiges berechenbarer.

Die Börse funktioniert nicht anders. Dumm ist nur, dass viele Wirtschaftswissenschaftler schlechte Liebhaber sind. So würden sie merken, dass sich die Charaktere der unterschiedlichen Märkte mit der Zusammensetzung der Handelspartner ständig ändern und dass ihre empirischen Untersuchungen zum Random-Walk deshalb unzureichend sind.

Ein guter Liebhaber und Börsenhändler erkennt seinen geliebten Marktcharakter und tanzt mit ihm solange, wie er auch seine Frau verführen kann.

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

Die Macht der Wenigen – die Investmentblase

Ich möchte mich heute einem Thema widmen, das für viele Börsianer zu den interessantesten gehören könnte: die Investmentblase. Und wie so oft werde ich versuchen, die Dinge etwas anders als die etablierten Ansichten zu beschreiben.

Als erstes schlage ich dem Leser vor, die Annahme es gäbe einen „fundamental fairen“ Preis einer Aktie zu überdenken. Wie ich bereits erläutert habe, führt dieser Weg in der Praxis zu gefährlichen Risiken. Als nächstes sollten Sie sich die Wirtschaft als ein System vorstellen, das reflexiv miteinander verwoben ist – ein System, das seine eigenen Ergebnisse wieder in sich selbst verarbeitet und für den Beobachter (Firmen, Wissenschaftler, Banken, Haushalte usw.) eine unendlich laufende nichttriviale Maschine darstellt. Die Wirtschaft ist also auch eine „Maschine“, die scheinbar Zufälliges produziert, obwohl immer das Gleiche hinein gesteckt wird. Aber jetzt zurück zur Investmentblase: Wir fangen da an, womit alles beginnt, dem Platzen einer Blase.

Wo es bei sinkenden Kursen Verkäufer gibt, muss es auch Käufer geben. Ihr Glück ist es, wenn genügend weitere Käufer zur gleichen Zeit zufällig die Kurse stützen oder gar zum Steigen bringen. In der Regel ist die Anzahl der Geldbesitzer zu diesem Zeitpunkt größer, als die Anzahl der Aktienbesitzer. Durch noch mehr Glück werden andere flüssige Marktbeobachter angesichts steigender Kurse zum Einstieg ermutigt und erzeugen damit einen handfesten Trend, der sich durch sich selbst ernährt (reflexives System). Beißen nicht genügend Käufer an (warum auch immer) bildet sich kein selbst tragender Trend und die Kurse fallen erneut, bis sich wieder zufällig genügend Käufer finden. Doch nehmen wir jetzt an, dass sich die Hausse weiter trägt. Im Laufe der Zeit wird die Anzahl der Aktienbesitzer steigen und die der Geldbesitzer sinken. Jene, die zu niedrigen Preisen gekauft haben, können beruhigter bei höheren Preisen verkaufen. Und jetzt kommen wir zu dem entscheidenden Punkt: aus welchem Grund auch immer, ob sie an „faire“ Preise glauben, ob sie Widerstände sehen, ob sie sich von ihren Gewinnen einen Porsche kaufen oder in den Urlaub fahren, ob sie ihre Gewinnvorgaben bereits erfüllt haben oder ob sie sich in anderen Märkten umsehen, die wenigen Geldbesitzer kaufen nicht mehr. Und solange Zinssenkungen, Steuerermäßigungen, Zuschüsse usw. kein neues Geld zur Verfügung stellen, bleiben hingegen die vielen Aktienbesitzer auf ihren Aktien sitzen und können diese nur noch unter Verlust bei niedrigen Preisen verkaufen. Somit fallen die Kurse bis…ja bis sich zufällig genügend Käufer finden, die Kurse wieder steigen und der Kreis sich letztlich schließt.Verteilung von Aktien- und Geldbesitzern im Aufwärtstrend

Im Gegensatz zur geläufigen Meinung, ist der Wert einer Aktie zur Beurteilung von „teuer“ oder „billig“ unerheblich. Das Verhältnis von Aktienbesitzern (potenziellen Verkäufern) und Geldbesitzern (potenziellen Käufern) verspricht dahingehend größeren Anschlusswert. Begründen möchte ich diesen Ansatz mit etwas mehr Theorie.Verteilung von Aktien- und Geldbesitzern im Abwärtstrend

In unserem Wirtschaftssystem ist das Geld ein Medium das Zahlungen erst ermöglicht. Je breiter das Geld gestreut ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Zahlungen erfolgen. Je weniger das Geld verteilt ist, desto mehr hängt es von den Wenigen ab, ob gezahlt wird oder nicht. Instabilitäten entstehen aber auch, wenn Wenige die Sachwerte innehaben. Sie können verkaufen, müssen aber nicht. Den stabilsten Zustand, im Sinne von relativ vielen Zahlungen, können wir in der Mitte der Bewegung verorten, an dem oft die größten Umsätze auszumachen sind. Wenn Sie meinen Ausführungen bis hierher aufmerksam folgen konnten, erkennen Sie evtl. bereits die Zusammenhänge:

Hochs und Tiefs sind Zustände, in denen eine Minderheit den Markt beherrschen kann.

Prekär wird es gar, wenn es den Wenigen gelingt, sich abzusprechen.

Demnach schauen Sie bitte nicht nur auf die Preise und Indizes-Punkte, als vielmehr auf Streubesitz, Leitzinsen und auf das Verhalten der Privatanleger und der starken Minderheit.

Übrigens: André Kostolany bezeichnete die Minderheit als „Hartgesottene“ und die Mehrheit als „Zittrige“.

In diesem Sinne, hochachtungsvoll

Ihr Börsenphilosoph

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