Liebe Leser,
im Leben lässt sich nur wenig planen. Schaut man zurück, so wird man erkennen, dass sich vieles aus Gelegenheiten ergab, die so nicht vorhergesehen wurden. Das Ungewisse an sich ist im Rückblick selten das Problem, die Ungewissheit vorher umso mehr. Eine Situation und insbesondere das Leben nicht unter Kontrolle zuhaben, ist furchtbar. Jeder Börsenneuling kennt das: Er wirft sich in ein Abenteuer voller Erwartungen, voller Freude auf Rendite und erkennt früher oder später, dass Gewinne nicht zu planen sind.
Um länger im Spiel zu bleiben, könnte der Börsianer sein Geschäft als richtiges Unternehmen betrachten. Viele Größen der Börsenszene empfehlen die Aufstellung von Businessplänen mit genauer Beschreibung des Handelssystems und mit Zielvorgaben. Spätestens bei den ersten großen Verlustserien tritt immer wieder Ernüchterung ein. Die Realität kommt den Wünschen nicht nach. Was kann man dennoch in solch ungewissen Milieus tun, um sein eigenes Unternehmen „Börse“ zu führen?
Saras Sarasvathy, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Virginia, erforschte jene Strategien, die erfolgreiche Unternehmer in ihrem Alltag anwenden. Die alten Management-Lehrmeinungen gehen davon aus, dass sich innovative Gründer zunächst Ziele setzen, dann Marktforschung betreiben und schließlich Businesspläne aufstellen. Sarasvathy kam zu dem Ergebnis, dass dieser Ansatz von rund 90 Prozent der Unternehmer jedoch nicht befolgt wird. Sie handeln eher situationsbedingt ohne detaillierte Pläne, d.h. sie schauen, welche Möglichkeiten sich gerade bieten und entwickeln anhand der vorhandenen Ressourcen den Ausbau ihrer Geschäfte und Netzwerke. Der große Unterschied zwischen Management-Lehre und Unternehmertum liegt darin, dass ersteres primär zielorientiert und letztes mittelorientiert ausgerichtet ist. Die Konzentration auf seine eigenen Mittel und Fähigkeiten bietet den Vorteil, mit Unsicherheiten besser umgehen zu können, ja sie sogar für den eigenen Vorteil zu nutzen. In der Entrepreneurship-Forschung hat sich dieser Effectuation-Ansatz teilweise etabliert. Die grundlegenden Schlüsse werden in fünf Punkten zusammengefasst:
- Die unsichere Zukunft wird nicht geplant, sondern selbst gestaltet.
- Unternehmerische Ideen werden ausgehend von zur Verfügung stehenden Ressourcen umgesetzt.
- Das Geschäftsmodell wird während des laufenden Betriebes dynamisch gestaltet.
- Entschieden wird nicht anhand unsicherer Renditen, sondern anhand (psychologisch/wirtschaftlich) vertretbarer Verluste.
- Mit Unvorhergesehenem wird gerechnet und darauf zu eigenem Gunsten flexibel reagiert.
Übertragen wir den Effectuation-Ansatz auf unser Unternehmen „Börse“, ergeben sich spannende Handlungsoptionen, die im nächsten Beitrag besprochen werden.
Nähere Informationen zur Effectuation finden sich auf den Seiten http://www.effectuation.at und http://www.darden.virginia.edu/web/Batten-Institute/
Im folgenden Video erläutert Saras Sarasvathy ihren Forschungsansatz:
In diesem Sinne, hochachtungsvoll
Ihr Börsenphilosoph
Bisheriges Jahresergebnis: -45%
Veröffentlicht von Effectuation und Börsenhandel (Fortsetzung) « Der Börsenphilosoph am 10. Februar 2011 um 16:30
[...] letzten Artikel stellte ich bereits die Idee des Effectuation-Ansatzes und dessen Leitlinien für den Unternehmer [...]